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Nina FreiEin Interview über Minarette und Religionsfreiheit

Am 29. November kommt in der Schweiz die Volksinitiative Gegen den Bau von Minaretten zur Abstimmung. Dem Artikel 72 der Bundesverfassung soll ein neuer Absatz hinzugefügt werden: "Der Bau von Minaretten ist verboten". Ein Interview mit der Religionswissenschaftlerin Nina Frei aus Frauenfeld.

Ann-Katrin Gässlein: Frau Frei, in der Schweiz gibt es rund 160 Moscheen, und seit den 60er-Jahren auch solche mit Minarett. Jetzt soll ihr Bau verboten werden. Ist der Zeitpunkt nur ein Zufall?
Nina Frei: Ich denke, dass verschiedene Faktoren diese Entwicklung begünstigten. Den unmittelbaren Hintergrund bilden wohl die Baugesuche für Minarette, die 2006 von örtlichen muslimischen Gemeinschaften in Wangen bei Olten, Langenthal und Wil/SG eingereicht wurden. Diese stiessen bei Teilen der lokalen Bevölkerung auf heftigen Widerstand und lösten schliesslich eine politische Debatte über das Thema 'Minarettbau in der Schweiz' aus.

"Ein Verbot von muslimischen Bauten verletzt die Pflicht zur Neutralität"

Was sagt die Initiative aus über die religionspolitische Realität in der Schweiz?
Muslime bilden heute neben den zwei christlichen Konfessionen die drittgrösste religiöse Gruppe in der Schweiz. Die Initiative verweist in meinen Augen auf eine grosse Unsicherheit im Umgang mit dieser Tatsache. Sie berührt auch die Frage der Religionsfreiheit. Denn selbst wenn es umstritten ist, ob ein Minarettverbot die Religionsfreiheit direkt verletzen würde, so wäre es eine Diskriminierung einer einzigen religiösen Gemeinschaft. Der Staat würde seine Pflicht zur religiösen Neutralität verletzen, wenn er ein Verbot explizit gegen muslimische Bauten ausspräche.

Was hat sich im gesellschaftlichen Klima geändert?
Mit den Anschlägen von 9/11 in New York wurde der Islam zu einem beherrschenden Thema in der Öffentlichkeit. Dabei überwiegt ein pauschalisierendes und sehr negativ geprägtes Bild vom Islam, das unsere Wahrnehmung beeinflusst. Die Anwesenheit von Muslimen in der Schweiz wird nicht mehr nur als fremd, sondern zunehmend als bedrohlich empfunden. Das erschwert natürlich ein konstruktives Miteinander.

"Die Glaubenspraxis von Muslimen ist sehr vielfältig"

Zwischen Angstmacherei und Blauäugigkeit: Können das Leben und die Glaubenspraxis der Muslime in der Schweiz realistisch beurteilt werden?
Wichtig ist es, genau hinzuschauen. Es gibt nicht den Muslim oder die Muslima. Die Glaubenspraxis von Muslimen in der Schweiz ist sehr vielfältig. Die einen leben ihren Glauben auf sehr pragmatische Weise, viele bezeichnen sich selbst als nicht-praktizierend, während andere ihren Glauben bewusst leben. Muslime in der Schweiz stammen aus unterschiedlichen Ländern und gehören verschiedenen Glaubensrichtungen an. Für ein realistisches Bild müssen wir uns von Pauschalisierungen lösen.

Stichwort Angst: Immer wieder hört man die Befürchtung, dass Minarette erst 'der Anfang' wären und der Muezzinruf nicht lange auf sich warten lässt. Wie sieht die Situation diesbezüglich aus?
Meines Wissens hat keine muslimische Gemeinschaft in der Schweiz bisher den Wunsch nach einem Muezzinruf geäussert. Im Gegenteil, bei den Baugesuchen für ein Minarett wurde immer explizit auf den Gebetsruf verzichtet. Ausserdem gibt es in der Schweiz Regelungen wie die Lärmschutz- Verordnung, die eingehalten werden müssen.

"Ein Minarett zeigt an, dass sich hier eine Gruppe zum Gebet trifft"

Und ist das Minarett nicht als Machtsymbol zu bewerten, durch das eine religiöse Gruppe einen bestimmten Anspruch ausdrücken will?
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich die Bedeutung des Minaretts nicht mit einfachen Etikettierungen erfassen lässt. Seine symbolische Bedeutung änderte sich mit den jeweiligen Gegebenheiten. Heute übernimmt das Minarett in erster Linie eine identitätsstiftende Funktion, vergleichbar mit dem Kirchturm für die Christen. Man will erkannt, will gesehen werden. Sicherlich ist das Minarett ein Symbol für die Präsenz des Islam und zeigt an, dass sich hier eine Gruppe zum Gebet trifft. Das bedeutet jedoch nicht, dass damit auch ein Machtanspruch verbunden sein muss.

Viele engagierte Christen betonen, dass Toleranz keine Einbahnstrasse sein dürfe. Sie beklagen die mangelnde Religionsfreiheit für Christen in islamischen Ländern, die oftmals auch Unterdrückung oder Verfolgung beinhaltet…
Ja, in gewissen islamischen Ländern wird das Recht auf Religionsfreiheit nicht oder nur ungenügend geachtet. Und es ist unsere Aufgabe, sich dafür einzusetzen, dass sich daran etwas ändert. Ich finde es jedoch problematisch, die Schweiz an Verfehlungen anderer Länder zu messen. Mit der Haltung «wie du mir, so ich dir» lösen wir das Problem nicht. Ein Minarettverbot in der Schweiz wäre vor allem ein Zeichen der Intoleranz gegenüber den hier lebenden Muslimen. Und ich befürchte, dass es sich negativ auf bestehende Integrationsbemühungen auswirken würde.

"Möglichkeiten bieten, tatsächlich an der Gesellschaft teilzuhaben"

Konflikte zwischen Religionsgruppen kennt die Schweiz auch aus ihrer eigenen Geschichte. Kann man aus der Zeit der «konfessionellen Grabenkämpfe» etwas für die Zukunft lernen?
Bestimmt, denn ein Blick in die Geschichte verdeutlicht das Potential eines pragmatischen Umgangs mit kultureller und religiöser Vielfalt, der für das Schweizer Modell an sich bezeichnend ist. Die Geschichte lehrt uns, dass Fremde zu Nachbarn werden können. Das ist aber eine Entwicklung, die nicht von heute auf morgen stattfindet.

Um nochmals auf die muslimischen Gemeinschaften zurückzukommen: Welche Möglichkeiten existieren, um gegenseitige Berührungsängste abzubauen?
In erster Linie, indem der gegenseitige Kontakt und Austausch gefördert werden. Das erfordert jedoch die Bereitschaft von beiden Seiten. So müssen wir Muslimen die Möglichkeit bieten, tatsächlich an der Gesellschaft teilzuhaben. Das bedeutet aber auch, dass sie hier Verantwortung übernehmen. Dazu gehört unter anderem, dass Imame eine Landessprache beherrschen und damit auch als Ansprechpartner zugänglich sind. In diesem Bereich gibt es bereits einige Bemühungen wie die regelmässig stattfindenden Tage der offenen Moschee. Schliesslich scheint mir wichtig, dass in Zukunft weniger über Symbole diskutiert wird als vielmehr über Fragen, die dahinter stehen. Konflikte sind nicht grundsätzlich negativ, sondern bieten auch Chancen zur Integration, sofern sie miteinander ausgetragen werden.

Besten Dank für das Gespräch!

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