Minarettinitiative Marina LutzAbstimmung zur Anti-Minarettinitiative - ein "Denkzettel" für den Islam?

Wenn man auf Google das Begriffspaar 'islamische Welt' eingibt, kommen doppelt so viele Einträge zum Vorschein, wie wenn man 'islamische Religion' googelt. So muss der Begriff Islam, wenigstens in den Augen der deutschsprachigen – sowie der englischsprachigen – Öffentlichkeit, mehr als eine Religion sein. Wenn man bei dieser Googlesuche 'islamisch' mit 'christlich' ersetzt, ist es gerade umgekehrt. Ähnliche Werte wie für das Christentum erhält man für Judentum, Hinduismus und Buddhismus.

Für Religionswissenschaftler sind im Grunde genommen Islam und Christentum einfach nur zwei Religionen – ohne jegliche Wertung. Aber in der Öffentlichkeit scheinen diese beiden Begriffe ganz anders wahrgenommen zu werden.

Ein Teil der schweizerischen Bevölkerung stört oder fürchtet sich nicht vor den Minaretten als bauliches Konstrukt, sondern vor der Normativität, die vom Konzept des Islam auszugehen scheint. Ob die Muslime hinter einem solchen Konzept des Islams tatsächlich stehen, ist hier nicht entscheidend. Da helfen auch Aufklärungskampagnen der Gegner der Minarettinitiative wenig. Auch sie können nicht jahrhundertealte Strukturen eines Konzepts in kurzer Zeit verändern. Der Diskurs über den Islam und die Diskursmacht, die davon ausgeht, lag und liegt bis heute im Allgemeinen in der 'westlichen' Öffentlichkeit.

In diesem Sinne ist der Islam eben nicht nur Religion, sondern eine ganze Welt mit eigenen Wertvorstellungen. Diese Welt wurde schon früh, vor allem als Politik bzw. Staat definiert: Mohammed, zentrale Figur des Islam, wird nicht nur als Prophet, sondern auch als Politiker angesehen. Der Islam steht somit für Religion und Staat zugleich. Diese Aussage, dieses Dogma, ist empirisch in einem wissenschaftlichem Sinne im Allgemeinen weder verifizier- noch falsifizierbar. Dazu sind die geografischen und geschichtlichen Unterschiede zu gross. Es ist eher ein Konsens, so wie es die meisten Dogmen sind – und wird wie ein Mantra von Journalisten, Islamwissenschaftler und von Herrn Meier und Frau Müller rezitiert.


Von einer solchen Idee des Islams geht eine starke gesellschaftliche Normativität aus, weil der Staat in einem modernen Sinne auch für die gesellschaftliche Normativität zu sorgen hat. Somit ist diese Idee des Islams weit von der Idee der 'entnormten' Spiritualität des Christentums entfernt. Die Furcht vor einer  Islamisierung Europas ist nicht eine Furcht vor der 'Religion' des Islam, sondern vor der „Welt“ des Islam. Und diese Welt ist offenbar undemokratisch, frauenfeindlich, fundamentalistisch und gewalttätig. Da es empirisch gesehen gar keine islamische Welt gibt, ist diese Aussage weder falsch noch wahr, sondern eine Art Theorie oder eben ein Dogma. Eine Aussage, die empirisch gesehen gar keinen Sinn macht.


Minarettinitiative Marina LutzebBis gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren es wirtschaftspolitische Ideen, die die Welt geprägt und angeregt hatten. Seit der symbolischen, islamischen Revolution im Iran prägen eher wieder gesellschaftspolitische Ideen die Weltöffentlichkeit. Die Minarettinitiative muss auch in diesem Kontext gesehen werden. Und auch hier darf nicht vergessen werden, dass es sich nicht um einen Kampf der Kulturen handelt, sondern um einen Kampf um die Deutungshoheit von Ideen. Die empirischen Realitäten spielen hier eine geringfügige Rolle. So wie der eiserne Vorhang plötzlich gefallen ist, wird auch der seidige Vorhang plötzlich fallen und ein anderer Vorhang wird dann aufgezogen.


Eine mir unverständliche Eigenart dieser Initiative ist die Auswahl des Minaretts als Symbol. Es hätte dutzende islamische Symbole gegeben, welche mit einer Initiative hätten verboten werden können - oder in einem 'positiven' Sinne: Schweizerische Symbole hätten als verbindlich erklärt werden können. Denn die Minarettinitiative beschneidet das föderalistisch ausgeprägte Baurecht in der Schweiz. Die Schweiz ist, direktdemokratisch gesehen, zu einem grossen Teil eine baurechtliche Demokratie. Die Hälfte der Traktanden einer Gemeindeversammlung und die Hälfte des Gemeinderechts betreffen in einigen Kantonen das Baurecht. Und dieses soll nun von Bern aus beschnitten werden?


Aber zurück zum Islam. Etwas hat die Minarettinitiative bewirkt. Eine Auseinandersetzung mit dem Islam und seinem Platz in der 'modernen säkularen Welt' findet momentan in der breiten Öffentlichkeit statt. Dies kann nicht schaden, auch wenn einige Journalisten, Gegner und Befürworter der Initiative sich gar weit aus dem Fenster lehnen, wenn sie den Koran auslegen – dies sollte eher den Muslimen selber überlassen werden.

Wer gerne wissen möchte, was Muslime in Europa denken, den kann ich auf folgende Studie verweisen:

PDF Logo Gallup Coexist Index 2009: Weltweite Studie interkonfessioneller Beziehungen, Teil 1.

PDF Logo

Gallup Coexist Index 2009: Weltweite Studie interkonfessioneller Beziehungen, Teil 2.


Weitere Informationen zur Minarettinitiative:

Die Scharia, ihre Anwendung und ihre Vereinbarkeit mit den Menschenrechten auf religion.ch

Dossier inforel

Religion in der Schweiz: Islam auf religion.ch

Kontakt

Andrea Zimmermann
Projektleitung
info(at)religion.ch

Rebekka Khaliefi
Redaktionsleitung
redaktion(at)religion.ch

Karin Mykytjuk
Koordinatorin
WissensWert Religionen
3000 Bern

Vermerk «religion.ch»
CH69 0900 0000 6069 3663 4