©Simon GausZiele des interreligiösen Dialogs

Als ein Hauptziel des interreligiösen Dialogs kann die Förderung eines friedlichen Zusammenlebens in einer religiös heterogenen Gesellschaft genannt werden. Viele der Initiativen und Aktivitäten von interreligiösen Organisationen haben sich zum Ziel gesetzt, Begegnung gezielt zu fördern und damit Vertrauen zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften zu schaffen, Vorurteile abzubauen und zu einem besseren Verständnis füreinander und zu gegenseitigem Respekt beizutragen.

Von besonderer Bedeutung kommt dabei der Thematisierung von alltagspraktischen und religionspolitischen Fragen zu, die sich aufgrund der neuen Präsenz nichtchristlicher Religionsgemeinschaften zwangsläufig ergeben und welche für die Integration eingewanderter religiöser Minderheiten und das friedliche Zusammenleben eine Herausforderung darstellen. Interreligiöse Organisationen können hier eine Schlüsselrolle einnehmen, indem sie nach Lösungen suchen, Handreichungen erarbeiten und als Brückenfunktion zwischen Religionsgemeinschaften und Behörden fungieren. Margret Bürgisser (2009:175ff.) nennt in diesem Zusammenhang unter anderen die folgenden konkreten Ziele, welche im interreligiösen Dialog vermehrt angestrebt werden:

  • das Recht auf Religionsfreiheit und -ausübung stärken
  • religiöse Minderheiten in ihrer Glaubensausübung unterstützen
  • rechtliche Anerkennung von religiösen Minderheiten prüfen
  • den Diskurs über den Islam versachlichen
  • Strukturen der Minderheitengemeinschaften weiterentwickeln

Im Gegensatz zu diesen gesellschaftlichen Zielen böte der interreligiöse Dialog auch auf individueller Ebene Chancen. So helfe die Auseinandersetzung mit anderen Glaubensvorstellungen, sich gegenüber dem Anderen zu öffnen und gleichzeitig die eigenen religiösen Vorstellungen zu reflektieren und sich zu positionieren.

Grenzen und Hindernisse im interreligiösen Dialogs

Hinderlich für einen respektvollen Dialog sind nicht zuletzt Stereotypen und Feindbilder über andere Religionsgemeinschaften auf der einen Seite und konservative Haltungen auf der anderen Seite. Obwohl gerade solche Feindbilder oder erstarrte Haltungen im interreligiösen Dialog hinterfragt und relativiert werden sollen, sind in der Realität primär Menschen am Dialog beteiligt, welche bereits eine gewisse Offenheit und ein Interesse mitbringen, während Leute mit starken Vorurteilen oder besonders konservativ eingestellte Gläubige sich häufig gar nicht erst auf den Dialog einlassen, sondern ihn vielmehr ablehnen. Damit stellt sich natürlich die Frage nach der realistischen Umsetzung der oben genannten Ziele oder der Wirksamkeit des interreligiösen Dialogs. Hier scheinen die Beteiligten gefordert, ihre Erfahrungen aus dem interreligiösen Dialog über ihren Kreis hinaus weiterzugeben und an die Öffentlichkeit zu bringen. Gerade im Hinblick auf konkrete Fragen im Alltag wie die Sichtbarkeit von Religionen und Bedürfnisse von Andersgläubigen kann der interreligiöse Dialog durchaus Wirkung in Gesellschaft und Politik erzielen.

Tradition vs. Religion

Das Konzept des interreligiösen Dialogs darf jedoch nicht a priori als Weg missverstanden werden, einen Konsens der verschiedenen Religionen zu finden – dies ist aus Sicht der interreligiös tätigen Organisationen weder möglich noch wünschenswert. Unterschiedliche Meinungen sollen im interreligiösen Dialog Platz haben und respektiert werden. Es ist durchaus im Sinn des Dialogs, dass Unterschiede und Widersprüche zutage treten, die sich nicht auf einen Konsens bringen lassen – sei es beispielsweise hinsichtlich der Rolle der Frau, des Rechts auf freie Meinungsäusserung oder das Verhältnis zwischen religiöser Autorität und Rechtsstaat –Themen, welche gerade in Einwanderungsgesellschaften von gesellschaftlicher Relevanz sind. Der interreligiöse Dialog bietet Raum, solche Themen anzusprechen und kontrovers zu diskutieren.

Von Bedeutung ist zudem der Einbezug und die Würdigung der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Teilnehmenden des interreligiösen Dialogs. Der Islam in Osteuropa zum Beispiel unterscheidet sich stark vom Islam in arabischen Ländern, genauso wie das Christentum der vielen Migrationskirchen in der Schweiz ganz anders geprägt ist als das Christentum in der Schweiz. Die Ausblendung des kulturellen Kontextes und der Tradition birgt die Gefahr von Pauschalisierungen, wenn beispielsweise Zwangsheirat oder Mädchenbeschneidung als explizit islamisches Phänomen wahrgenommen wird, obwohl solche Praktiken von Angehörigen verschiedener religiöser Tradition ausgeübt werden und vielmehr von gesellschaftlichen Gegebenheiten, die unter Umständen religiös gedeutet werden, abhängig sind.

Grenzen werden dem interreligiösen Dialog nicht zuletzt auch durch die Tatsache gesetzt, dass die religiösen Strukturen in der Schweiz historisch klar durch die Landeskirchen geprägt sind, während die neu ansässigen Religionsgemeinschaften (noch) nicht über vergleichbare Strukturen verfügen. Dies wird zum Beispiel deutlich bei der öffentlich-rechtlichen Anerkennung der christlichen Landeskirchen und teilweise der jüdischen Gemeinschaften. Eine solche Anerkennung und die damit verbundenen Privilegien für andere Religionsgemeinschaften würden voraussetzen, dass über eine Struktur mit kantonalen, repräsentativen Dachverbänden verfügen. Solche wären generell für den interreligiösen Dialog aber auch im Hinblick auf die Äusserung religiöser Bedürfnisse und Forderungen gegenüber Behörden vorteilhaft, da sie als Ansprechperson dienen könnten, welche die Mitglieder der jeweiligen Religionsgemeinschaften vertreten. Die Ausbildung solcher Strukturen ist somit eine wichtige Grundlage für den zukünftigen interreligiösen Dialog und seine Wirksamkeit.

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