Werner LaubiInterview mit Werner Laubi, Theologe und Geschichtenerzähler

Werner Laubi, reformierter Pfarrer aus Aarau ist Autor zahlreicher Bücher und leidenschaftlicher Erzähler biblischer Geschichten. Auch anderen will er zum selbständigen Erzählen Mut machen.

Herr Laubi, welche Geschichte aus der Bibel ist Ihre Lieblingsgeschichte?
Hmm, das ist nicht ganz einfach… Wahrscheinlich die Geschichte von den Jüngern, die nach Emmaus unterwegs sind. Jesus erscheint ihnen als ein Unbekannter, und erst als er das Brot bricht, geht ihnen ein Licht auf. Aber auch die Gleichnisse des Neuen und Alten Testaments finde ich wunderschön.

Gibt es ein Rezept für gutes Erzählen?
Eine Vorbedingung ist, dass man dabei sein will. Die Geschichte muss zum eigenen Erlebnis werden! Dann sind alle Zuhörer gleichermassen fasziniert, ob Kinder oder Erwachsene.

"Wahrheit hat mit Wahrhaftigkeit zu tun"

Die Geschichte muss also wahr sein?
Moment! Sie muss nicht 'passiert' sein. Von Erich Kästner ist überliefert: "Ob die Geschichte geschehen ist oder nicht, ist gleichgültig; Hauptsache, sie ist wahr." Wahrheit hat mit Wahrhaftigkeit und Vertrauen zu tun.

Die  Zuhörer müssen also  das, was erzählt wird, nachvollziehen können?
Ich arbeite nach einer Methode, die ich in Basel als Student der Theologie bei Walter Neidhart gelernt habe: Der Erzähler muss den biblischen Text in- und auswendig können. Wenn ich zum Beispiel eine Wundererzählung schildere, die sich am See Gennesaret abgespielt hat, muss ich wissen, wo der See liegt und wie seine Umgebung aussieht. Ich nähere mich also dem objektiven Teil an. Anschliessend baue ich meine Fantasie in den Text ein und konzentriere mich darauf, was ich sehe und höre. Zum Beispiel weiss ich, dass Palästina damals von den Römern besetzt war – also lasse ich in meiner Erzählung einen Trupp Soldaten auftauchen. Das Wichtigste ist aber, dass sich der Erzählende und die Zuhörenden mit dem „Held“ und den andern Personen der Geschichte identifizieren.

Cover Kinderbibel„Johannes galt schon damals als Freak“

Welche 'Helden' kommen in Ihren Geschichten vor?
Natürlich biblische Personen. Wenn ich zum Beispiel Johannes der Täufer bin, muss ich glaubwürdig machen, warum ich ein Gewand aus Kamelhaaren und einen Ledergürtel trage. Johannes war ja schon für die damalige Zeit ein Freak: Sein Vater war Priester im Tempel, stand aber auf niedrigster Stufe. Dauernd hatte er mit den Schlachtungen von Tieren zu tun und musste Menschen auf Lepra untersuchen. Johannes, der in seine Fussstapfen treten sollte, fühlte sich von einer Gesellschaft mit solchen Regeln abgestossen und wurde so zum Radikalen. Jesus stellt mit seiner Versöhnungsbereitschaft einen Gegenpol dar.

Sie geben – nicht nur in der Schweiz – Kurse für ReligionslehrerInnen der verschiedenen Konfessionen, die das Erzählen richtig lernen wollen. Sollen Geschichten den grössten Platz im Unterricht einnehmen?
Der Theologe Heinz Zahrnt sagte einmal: Was man von der Bibel nicht erzählen kann, zählt nicht in der Theologie. Und die heutige Sprache der Kirche wird dem Empfinden der Menschen nicht mehr gerecht, Die Liturgie besteht aus Gebeten, die niemand mehr versteht. Erzählte Geschichten dagegen sind lebendig und dynamisch und können immer weiterwachsen. Wir sind nicht verpflichtet, biblische Texte wortgetreu wiederzugeben. Schliesslich war der Evangelist auch nur ein Erzähler.

Wie gehen Sie mit grausamen Geschichten um, die in der Bibel vorkommen?
Die Geschichte von der Opferung Isaaks durch Abraham konnte ich lange nicht erzählen. Aber schliesslich kam mir ein Einfall. Eine Bibel-Exegese sagt, dass die Erzählung unterstreichen möchte, dass die israelitische Religion den Schritt zu einer Einsicht vollzogen hatte, die kein Menschenopfer braucht – was in der damaligen Umwelt noch vorkam. Ich erzähle also von Abraham, der mitten in der Nacht laut schreit und von Sara geweckt wird. Er hat einen furchtbaren Alptraum und erzählt ihn seiner Frau: Er sei mit seinem Sohn auf den Berg gestiegen und habe Anstalten gemacht, ihn zu töten – im Moment der Opferung habe sie ihn geweckt. Sara macht ihn darauf aufmerksam, dass er im Traum das Verhalten seiner Nachbarn nachgeahmt habe und warnt ihn: „Du musst nicht das Gleiche machen wie die Anderen!“ Dann streichelt sie ihm über den Kopf, bis er wieder einschläft. Sehen Sie: Jetzt ist die Geschichten 'wahr'…

 

erschienen 31.8.2008 in forumkirche

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