Normalerweise werden bei politischen Entscheidungen politische und wirtschaftliche Interessen und deren Geltungsansprüche ausgehandelt. Bei der Anti-Minarettinitiative waren aber nur symbolische Geltungsansprüche relevant. Viele Personen, die bis jetzt bei Migrationsthemen pragmatisch abgestimmt hatten, konnten gestern ein "Ja" einlegen, da es sich bei dieser Initiative quasi um eine rein symbolische Initiative handelt. Die „direkten“ Konsequenzen bei der Annahme der Initiative sind gleich null. Keine in der Schweiz lebende Person muss durch die Annahme der Initiative heute sein Verhalten im Vergleich zu seinen Gewohnheiten vor der Abstimmung ändern. Bei einem Kopftuchverbot wäre dies zum Beispiel anders gewesen; die Annahme einer solchen Initiative hätte das Leben von Personen direkt beeinträchtigt.

Bei der Anti-Minarettinitiative handelte sich um eine "Leserbriefinitiative" und einer "Denkzettelinitiative" - alle konnten mal ihre Meinung frei äussern, ohne dass irgendjemand dafür direkte Konsequenzen hätte tragen müssen,  es ging um nichts  – ausser um ein Symbol.Dafür sind die indirekten Auswirkungen der Annahme der Anti-Minarettinitiative umso grösser, da wir heute in einer Welt leben, in der die symbolische Ebene in der Öffentlichkeit eine sehr grosse Rolle spielt und in der eine Moralisierung in der Öffentlichkeit stattfindet. Daher wird dieser politische Entscheid auf globaler Ebene das symbolische Bild der Schweiz negativ beeinflussen. Die Marke "Schweiz" hat dadurch an Wert verloren. Wie das Ergebnis der Initiative zeigt, hat die "Marke" Islam in der Schweiz auch keinen guten Stand. Ebenfalls ist die Annahme der Initiative für das gesellschaftliche Zusammenleben in der Schweiz nicht gerade förderlich.

Die indirekte Frage der Initiative lautete: was hält ihr von der Migration und was hält ihr vom Islam? Die Antwort lautet nun plakativ zusammengefasst: nicht viel, lasst uns in Ruhe, die Schweiz soll schweizerisch bleiben. Die Antwort ist im Kontext der Globalisierung gewissermassen nachvollziehbar; irgendwo müssen die Schweizer ihre Identität als soziale Gemeinschaft definieren. Die Initiative war in diesem Sinne eine Bestärkung des eigenen "Wir-Gefühls".

Der Bundesrat hätte die Befindlichkeit der schweizerischen Bevölkerung im Bezug zur Migration und zum Islam auch mit einer grossen Untersuchung erforschen können. Eine solche methodisch fundierte Untersuchung hätte vielleicht die Gründe der Antwort mitgeliefert, wäre aber wohl teurer gewesen als die Abstimmung.

Welches Bild haben die Schweizer vom Islam? Diese Forschungsfrage müsste heute gestellt werden. Erst dann könnte man sagen, ob es sich eher um eine Abstimmung über den Islam oder über die Migration gehandelt hatte. Sicherlich haben die Medien in den letzten 20 Jahren das Bild des Islam sehr stark geprägt. Der Quotenjournalismus hat dazu geführt, dass 'Kuriositäten' anderer Kulturen wie zum Beispiel Hassprediger, 'muslimische' Terroristen und Handabschneider mehr in den Medien zu finden waren als weniger aufsehenerregende, soziale Handlungen. Doch, wie gesagt, das Bild, welche die Leute in der Schweiz vom Islam haben, müsste besser erforscht werden.

Auf der anderen Seite haben Entwicklungen in der muslimischen Welt in den letzten 50 Jahren dazu geführt, dass konservative und fundamentalistische Strömungen an Einfluss gewonnen haben. Diese 'interne' Missionierung hat den Islam verändert und das Bild des Islams noch stärker verändert, da Mission auch aus öffentlicher Kommunikation besteht. Diese öffentliche Kommunikation der Missionierung wurde bei uns von den Medien wiedergegeben - noch heute ist eine Videobotschaft von bin Laden eine Agenturmeldung wert. Es sind vor allem zwei Strömungen in der muslimischen Welt, welche zum Schreckbild eines antidemokratischen, rückständigen, frauenfeindlichen und barbarischen Islams in den letzten 50 Jahren geführt haben: Der Islamismus und der Erdöl-Wahabismus, womit die wahabitische Strömung auf der arabischen Halbinsel und deren Mission, welche durch die Erdöleinnahmen finanziert wurde, gemeint ist. 

Diese Entwicklungen sind gerade bei der Abstimmung zur Anti-Minarettinitiative im Kontext der Beziehungen zwischen Abendland und Morgenland zu beachten. Die Beziehungen zwischen diesen zwei imaginären sozialen Räumen des Orients und des Okzidents sind geschichtlich gesehen auf beiden Seiten als Hassliebe zu bezeichnen. Es sind negative und positive Projektionen, welche beidseitig seit einigen Jahrhunderten aufeinander treffen. Der Orient wurde immer wieder romantisiert und barbarisiert. Der Okzident - der Westen - ist in der Vorstellung vieler nicht-europäischen Muslime Paradies und Hölle zugleich. Dieser geschichtliche Kontext sollte bei der Analyse der Abstimmung zur Anti-Minarettinitiative nicht vergessen werden.

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